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Moscheegebäude

Die Architektur der Bilal-Moschee

Wer im Aachener Westen den Königshügel an der Professor-Pirlet-Straße hinaufblickt, entdeckt ein Gebäude, das in der deutschen Architekturlandschaft absolut einzigartig ist. Die Bilal-Moschee – benannt nach dem ersten Muezzin des Islam – wurde zwischen 1964 und 1971 als Campus-Moschee der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) errichtet. Sie ist nicht nur eine der ältesten Moscheen Deutschlands, sondern auch ein so herausragendes Zeugnis der Nachkriegsarchitektur, dass sie seit dem Jahr 2012 als einzigartiger Sakralbau im Rheinland unter Denkmalschutz steht.

Zwei Architekten, zwei Visionen

Dass die Moschee heute so ein markantes Gesicht hat, verdankt sie der Zusammenarbeit zweier sehr unterschiedlicher Baumeister. Rudolf Steinbach, damals Inhaber des Lehrstuhls für Baukonstruktionslehre an der RWTH, war ein profunder Kenner der islamischen Kunst und ein Verfechter der baukünstlerischen Tradition, der rein funktionale Architektur ablehnte. Er übernahm 1959 die Betreuung des Projekts, übergab die eigentliche Planung jedoch schnell an seinen erst 31-jährigen Assistenten Gernot Kramer.

Kramer wiederum war durch sein Studium bei Egon Eiermann stark von der modernen, konstruktivistischen Architektur der 1960er Jahre geprägt. Für ihn sollte die Moschee der erste und einzige Sakralbau seines Lebenswerks bleiben. Aus dieser spannenden Kombination – Steinbachs Traditionsbewusstsein und Kramers moderner Formensprache – entstand ein Gebäude, das den klassischen Typus einer arabischen Stützenmoschee mit dem modernen europäischen Baustil vereint. Vorbilder fanden sich dabei unter anderem in der Architektur des berühmten Architekten Le Corbusier, insbesondere in dessen Klosterbau Sainte-Marie de La Tourette.

Ein Meisterwerk der Nachkriegsarchitektur

Die Architektur der Bilal-Moschee nimmt in Deutschland eine Sonderrolle ein. Vergleicht man sie mit anderen frühen Moscheebauten der späten 1950er und 1960er Jahre, die oftmals schlichte Zweckbauten waren, sticht der Aachener Bau markant heraus. Die Bilal-Moschee war der erste Moscheebau in Deutschland überhaupt, der sich künstlerisch tiefgehend mit der europäischen architektonischen Moderne auseinandersetzte. Sie knüpft dabei an den anspruchsvollen, zeitgenössischen Kirchenbau an. So lassen sich durchaus Parallelen zur Aachener „Schwesterkirche“ St. Anna in Düren erkennen, an der Rudolf Steinbach ebenfalls maßgeblich beteiligt war: Beide Gebäude zeichnen sich durch hohe, geschlossene Baukörper aus, die ihre Ästhetik nicht durch aufgesetztes Dekor, sondern rein durch die Struktur ihrer Materialien gewinnen.

Topografie und äußere Formensprache

Das Grundstück am Steilhang des Königshügels stellte die Planer vor topografische Herausforderungen, die architektonisch geschickt gelöst wurden. Die Hanglage erlaubte es, das Gebäude zweigeschossig anzulegen. Das Untergeschoss wird dank der Hanglage natürlich belichtet. Hier befinden sich die sanitären Anlagen, Waschgelegenheiten, Seminarräume und Büros (ursprünglich befand sich hier auch die Bibliothek und die Wohnung des Imams), die sich ringförmig um das Zentrum des Geschosses legen.

Das darüberliegende Erdgeschoss ruht zum Teil auf schmalen Strebepfeilern und wirkt nach außen als geschlossener Kubus mit einer Grundfläche von 21 mal 21 Metern. Die weitgehend fensterlosen Fassaden wurden meisterhaft in längsgeschaltem Sichtbeton ausgeführt. Etwa auf Höhe des sogenannten Goldenen Schnitts – einem Proportionsprinzip, das das gesamte Gebäude durchzieht – durchschneidet eine exakte waagerechte Fuge die raue Betonoberfläche.

Der Originalbau: Offenheit, Wasser und viel Licht

In ihrer ursprünglichen, 1967 eröffneten Form bot die Bilal-Moschee im Erdgeschoss ein von enormer Offenheit geprägtes Bild. Der Baukörper war zu zwei Dritteln als offener Vorhof gestaltet. Wer die Moschee betritt, passiert auch heute noch ein kunstvolles Eingangsportal: Ein Torbau und eine Brücke führen zu einer eisernen Gittertür, die von Mosaikbändern bekrönt wird. Diese zeigen eine arabische Kalligrafie aus blauen Steinen auf weißem Grund, welche Gott lobpreist und das Gebäude als Haus Gottes ausweist.

Im Inneren stand man zunächst unter freiem Himmel auf einem kunstvollen Boden aus hellem Travertin und farbigen Keramikplatten. In der Mitte dieses Hofs plätscherte ein kleiner Springbrunnen, der sich architektonisch an den klassischen Innenhöfen orientalischer Moscheen anlehnte. Die Wände des Hofs und des Gebetsraums waren im oberen Drittel mit quadratischen Kassetten und Rauteneinbuchtungen verziert, die polychrom (mehrfarbig) in blauen, grünen und metallischen Tönen ausgemalt waren.

Erst hinter einem Band aus Glastüren lag der eigentliche, überdachte Gebetsraum. Fünf markante, säulenartige Stützen aus Sichtbeton, die sich nach oben leicht verjüngen, tragen hier die Decke. Sie symbolisieren gleichzeitig die fünf Säulen des Islam. Die Gebetsrichtung (Kibla) wird durch eine halbrunde Gebetsnische (Mihrab) markiert, die nach außen als Apsis aus der Südostfassade heraustritt. Überragt wurde das Raumgefühl von einem raffinierten Lichtkonzept: Das Flachdach über dem Gebetsraum wurde von acht zeltartigen, asymmetrischen Lichthauben aus Zinkblech durchbrochen, die geschickt nach dem Lauf der Sonne ausgerichtet waren. Eine auf halber Höhe eingezogene Empore bot den Frauen Platz für das Gebet.

Treppenturm und Minarett

Die Silhouette der Moschee wird neben den Lichthauben von zwei aufstrebenden Bauteilen dominiert. Zum einen von dem markanten, quadratischen Treppenturm im Vorhofbereich. Er wird von einer mit Zinkblech verkleideten Tambourkuppel bekrönt. Im Inneren dieses Turms schraubt sich eine architektonisch anspruchsvolle, freistehende Wendeltreppe empor, die die verschiedenen Geschosse miteinander verbindet.

Zum anderen von dem schlanken Minarett an der Nordwestfassade. Ursprünglich wurde bis weit in die Bauphase hinein mit einem Spiralminarett geplant. Aus baulichen Gründen entschied man sich letztlich jedoch für einen glatten, zylindrischen Turm, der auf einem eigenen Sockel ruht. Er wird von einem spiralförmig umlaufenden arabischen Schriftzug aus blauen, weißen und braunen Kacheln geziert und bildet den weithin sichtbaren Fixpunkt des Komplexes.

Die Moschee im Wandel: Umbauten aus Platznot

Die Moschee war ursprünglich für etwa 150 bis 180 Gläubige konzipiert worden. Doch die Aachener Gemeinde wuchs über die Jahrzehnte rasant an, sodass heute rund 4.500 Gläubige die Moschee besuchen. Um der reinen Platznot zu begegnen, musste das Gebäude stetig an die neuen Bedürfnisse angepasst werden.

Die einschneidendste Veränderung fand in den Jahren 1979 und 1980 statt: Der ehemals offene Vorhof mit dem Springbrunnen wurde komplett mit einem Flachdach überdacht und zu einem großen Konferenzraum umfunktioniert. Die Frauenempore im Gebetsraum wurde deutlich nach vorne erweitert. Auch die auffälligen Lichthauben auf dem Dach wurden eingekürzt und mit flacheren Plexiglasscheiben versehen. In den 1990er Jahren dämmte man zudem die puristischen Sichtbetonfassaden und strich sie in ihrer heutigen grün-grauen Farbgebung.

Trotz all dieser baulichen Veränderungen und Erweiterungen ist die faszinierende historische Substanz der Bilal-Moschee bis heute spürbar geblieben. Sie erfüllt nach wie vor genau jene Funktion, die ihr Mitbegründer Rudolf Steinbach ihr 1964 bei der Grundsteinlegung zuschrieb: Sie ist eine architektonische „Karawanserei“, eine schützende Bleibe für Neuankömmlinge und ein vertrautes Stück heimatlichen Bodens inmitten der Stadt Aachen.

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